(Fortsetzung von >> "Ein akademischer Maler und Anstreicher")
.... Hubers Naturzeichnungen haben nichts von der romantischen und im Grunde verlogenen Natursehnsucht des Städters. Er kennt das Leben auf dem Land von Kind auf - kennt auch seine Härten. Auf einem Bergbauernhof aufgewachsen, als wenig geliebte Waise bereits früh auf sich selbst verwiesen, flieht er schon als Kind jede freie Minute in die Natur, beobachtet, beginnt zu malen, zu zeichnen, was er sieht, was er liebt: Die von Sturm und Schnee gebeugten Bäume der Alpenlandschaft, sie empfindet er als seine Schicksalsgenossen, ihre Sprache versteht er.
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Helmut Huber, Baumruine, Radierung, um 1988 |
Stundenlang beobachtet er die Bewegung der Äste im Wind, das Schauspiel des Wassers im Wildbach, das Spiel von Licht und Schatten auf den Berghängen der Heimat, in den dahintreibenden Wolken. Selbst Kälte und Regen können ihn nicht davon abhalten, halbe, ganze Tage lang in der Natureinsamkeit ausharren. Beim Zeichnen vergisst er auf Frost und Nässe. Bei einem dieser Ausflüge holt er sich eine schwere Mittelohrent-zündung, die unbehandelt bleibt. Die zurückbleibende Schwerhörigkeit verstärkt seine Isolation: Seine Ziehfamilie und die dörfliche Umwelt haben weder Verständnis für sein Außenseitertum noch für sein künstlerisches Talent. Nicht nur einmal wird er mit Prügeln von seiner "unnützen" Malerei vertrieben. Doch er lässt sich nicht unterkriegen, ein starkes, cholerisches Temperament, das gegen die dörfliche Enge rebelliert. Auf dem Hof soll er arbeiten, und Maurer muss er lernen.
Kubitschek, akademischer Maler aus Bischofshofen, ein Schüler Wilhelm Dachauers, entdeckt schließlich den begabten Maurer, unterrichtet und fördert ihn und stärkt ihm so den Rücken in seinen Auseinandersetzungen.
Bald werden auch andere auf das Talent aufmerksam: Mehrmals erhält er Stipendien zur Salzburger Sommerakademie, Oskar Kokoschka, Eisler, fördern ihn, erste Preise und Ankäufe folgen.
Dabei arbeitet er weiterhin als Maurer, baut sogar in der Freizeit: sein eigenes Haus. Wie er mit den selben groben abgearbeiteten Maurerhänden wenige Stunden danach wieder unendlich gefühlvolle, zarte Federstriche hinfegt, übrigens links- und rechtshändig gleichermaßen geschickt, das ist für jeden, der es einmal mitangesehen hat, einfach unglaublich - ein Wunder.
Die Auseinandersetzungen im Dorf reißen freilich nicht ab. Hubers streitbares Temperament, die innere Gewissheit, dass sein Talent in dieser Umgebung nicht verstanden wird, und Missverständnisse durch seine Schwerhörigkeit tun ein Übriges, um die Atmosphäre für ihn unerträglich zu machen.
Er verkauft das Haus und zieht mit Frau und Kind nach Strasshof bei Wien.
Friedensreich Hundertwasser erkennt sofort das seltene Talent, und holt ihn in seine Klasse an der Wiener Akademie.
Hubers Federzeichnungen sind freilich damals schon am Höhepunkt seiner Meisterschaft, und auch sonst hinterlässt die Akademie bei dem damals bereits 35 jährigen keine wirklich wichtigen Spuren. Was ihn jedoch fordert und fördert, sind Freundschaften und Kontakte, sind Diskussionen und Auseinandersetzungen im Dunstkreis der Akademie, in der Wiener Kunstszene.
Es finden sich Kollegen, Schüler und Nachahmer, die von seinem Enthusiasmus und seiner Kraft beeindruckt und mitgerissen werden, u.a. Christian Qualtinger und der Zeichenblogger (der mit dem Künstler bis heute befreundet ist).
Und immer wieder ist es vor allem die Natur, die Helmut Huber anregt:
Er mietet sich eine kleine Wohnung in einem alten Villengarten in Hainfeld.
Es entstehen wundervolle Radierungen und Zeichnungen aus dieser Gegend und aus der Wiener Umgebung, alte zerklüftete Bäume, Aulandschaften, Wasserfälle, blühende Bäume. Das innere des Stephansdoms, mit seiner waldähnlichen düsteren Gotik regt ihn zu einer Serie eindrucksvoller Zeichnungen an. Er arbeitet mit dem Fleiß eines Besessenen, tagaus tagein.
Auch großformatige Gemälde, Wiener Stadtbilder entstehen in dieser Zeit.
Hundertwasser, Mikl, Gansert und andere respektieren den wilden Kollegen, der da, bereits zum Künstler gereift, seine Akademiezeit hinter sich bringt.
Das Fernsehen bringt einen Film über ihn, gedreht mit ihm in Wien und an den Schauplätzen seiner Kindheit, in Pfarrwerfen in Salzburg. Verschiedene Förderer nehmen sich seiner an, organisieren ihm Ausstellungen, darunter Leute wie Klaus Schröder, der spätere Direktor der Albertina. Einige Galerien kaufen Radierungen und Zeichnungen.
Doch Huber hat keinen Sinn für den Kunstbetrieb. Lässt Chancen wie den Fernsehfilm ungenutzt vorübergehen, meldet sich nicht mehr, oft stößt er selbst wohlmeinendste Förderer grob vor den Kopf. Höfliche Kontakte pflegen, bitten um Unterstützung, ansuchen um Subventionen, Stipendien? - Eher arbeitet er wieder als Maurer.
Sein Charakter braucht den cholerischen Wutausbruch, fast, scheint es: das Verkanntsein, die Einsamkeit, wie er das aus seiner Kindheit gewöhnt ist.
Ganze Bilderserien vernichtete er in Anfällen von Zerstörungswut, andere verschleudert er oder lässt sie, kaum sind sie mit unglaublichem Einsatz und Begeisterung fertiggestellt, achtlos verschmutzen oder jahrelang irgendwo liegen. Vergisst oft selbst, wo „das Zeug“ ist. Nach zahlreichen Übersiedlungen und privaten Wirren in diesen Jahren bleiben ihm nur relativ wenige Werke von seinem großen Oeuvre. Manches liegt sicher heute noch in irgendwelchen Dachböden oder Kellern in Wien und anderswo herum, manches haben sich clevere Kunstsammler "billig unter den Nagel gerissen".
Kaum hat er das Diplom der Akademie der Bildenden Künste in der Tasche, sogar prämiiert mit der goldenen Füger-Medaille der Akademie, arbeitet Helmut Huber auf einmal tatsächlich wieder als Maurer! Zuerst in Wien, später als gewöhnlicher Maler und Anstreicher bei einem Malermeister in Eugendorf bei Salzburg - wohl der einzige „Akademische Maler und Anstreicher“ in Österreich.
Nirgends hält es ihn lange. Wohnungen und Arbeitgeber wechseln.
In der knappen Freizeit entstehen wieder eine Menge wunderbarere Arbeiten. Wann schläft er eigentlich?
Schließlich lässt er sich in Salzburg nieder. Seine zweite Frau Marina, eine Russin, die er dort kennenlernt, selbst Malerin, malt Ansichten für die Touristen im Stadtzentrum. Davon bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Er hilft bisweilen beim Kolorieren.
Selbst malt er große Pastelle und Ölbilder in der Glasenbachklamm, in deren unmittelbarer Nähe er wohnt. Verarbeitet Eindrücke von Reisen, etwa nach Russland, der Slowakei, Indien oder Griechenland. Bisweilen entsteht eine Federzeichnung.
Auf dem Balkon der gepflegten, aber winzigen Wohnung lehnen Stapel von Ölbildern, im Freien, nur notdürftig vorm Regen geschützt.
Und wieder bricht er seine Zelte ab, arbeitet wieder als Maler und Anstreicher, hilft beim Restaurieren von Räumen in der Salzburger Residenz. Sein neuer Arbeitgeber erkennt das Talent und setzt ihn für Wandmalereien ein.
Und Helmut Huber schafft wieder neue wunderbare Federzeichnungen. Und studiert Michelangelo beim Zeichnen von riesigen frei nachempfundenen Kohlezeichnungen. Noch ist das Feuer nicht erloschen. Da und dort zeigen sich Ansätze, daß Helmut Huber nun endlich - diesmal hoffentlich auf Dauer - entdeckt wird. Es gibt neuerdings zwei Huber-Kataloge. Ist auch der „offizielle Kunstbetrieb“ irgendwann bereit für diesen originellen Unbequemen? Rechtzeitig, damit meinen wir: noch zu zu seinen Lebzeiten?
Wert wäre er es allemal.
Am 25. August 2011 wird der Künstler 60. Wir gratulieren herzlich!
Text Copyright: der Zeichenblogger